Hass im Netz

Diskussionen in online Medien sind vielfach von Beleidigungen und Hass anstelle sachlicher Argumentation geprägt. Manche User, so scheint es, vergessen mit dem klicken des ‘Login’ Knopfes die Grundregeln des zivilisierten Miteinanders und schreiben Dinge, von denen es nur schwer vorstellbar ist, dass jemand sie einem anderen Menschen ins Gesicht sagt – schon gar nicht vor tausenden ZuhörerInnen.

Die Gründe für solche Entgleisungen sind vielfältig. Beispielsweise ist bei online Kommunikation eine gewisse, unter anderem auf die fehlende Sichtbarkeit des Gegenübers zurückzuführende, Enthemmung zu beobachten. ‘Online Disinhibition Effekt’ nennt der Psychologe John Suler dieses Phänomen, das durchaus auch positive Auswirkungen haben kann.

Wortmeldungen, die polarisieren, bekommen zudem mehr Aufmerksamkeit in Form von ‘Likes’ und dergleichen, und werden somit nicht nur belohnt, sondern sind aufgrund der eingesetzten Algorithmen auch sichtbarer. Die gleichen Regeln sorgen dafür, dass uns tendenziell Inhalte präsentiert werden, die unsere bestehende Meinung noch verstärken. Gegendarstellungen oder Korrekturen, die, im Gegensatz zu den ursprünglichen Aussagen, auf Fakten basieren oder sachlicher formuliert werden, erhalten wesentlich weniger Aufmerksamkeit oder werden als Verschwörungstheorien abgetan. Das Ergebnis sind Filterblasen und Echokammern – der durch sie bedingte Wegfall der Notwendigkeit sich auch mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen trägt wiederum zu einer Verschärfung des Tons bei. Der Spiegel schreibt in diesem Zusammenhang vom ‚postfaktischen Zeitalter’

Auf menschlicher Ebene können zwei Gruppen von AnwenderInnen, für einen großen Teil der online Entgleisungen verantwortlich gemacht werden: Während die ‘Trolle’ zum eigenen Spaß darauf abzielen Menschen zu mobben oder zur Weißglut zu treiben und Diskussionen zu (zer)stören, ist es das Ziel der ‘Glaubenskrieger’ allen anderen ihre Sicht der Dinge aufzuzwingen. Vor allem Hassgruppen nutzen dabei gezielt Aggression, Hetze und Falschmeldungen um ihre ‘Wahrheit’ zu verbreiten und Andersdenkende Mundtot zu machen. Das Recht auf Meinungsfreiheit wird dabei als Vorwand verwendet um auch verletzendste Aussagen zu rechtfertigen.

Ingrid Brodnig, Redakteurin beim Nachrichtenmagazin Profil und Autorin von ‘Der unsichtbare Mensch’, setzt sich in ihrem neuen Buch ‘Hass im Netz’ eingehend mit der Problematik der Aggression in online Diskussionen auseinander und zeigt auf, welche Strategien es gibt mit Hass und Hetze im Netz umzugehen und was wir selbst zu einem sachlicheren Diskurs im Netz beitragen können.

Am Montag, 17. Oktober, um 19 Uhr wird Ingrid Brodnig ihr Buch im Rahmen eines Autorinnengesprächs in der Buchhandlung liber wiederin vorstellen. Der Abend findet in der Reihe WuV-Buch statt und wird von Wissenschaft und Verantwortlichkeit in Zusammenarbeit mit dem Renner Institut Tirol und InnsbruckOpen veranstaltet. Moderiert wird der Abend von Christoph Wild.

Von Anonymität, Unsichtbarkeit und dem Problem mit den online Foren

“Wir haben einen Fehler im System. Nämlich in den Foren der Nachrichtenseiten. Es ist Zeit, das zuzugeben. Wir müssen den Leserdialog neu denken.” So beginnt ein aus dem Juli stammender Eintrag vom Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung Stefan Plöchinger auf seinem persönlichem Blog. Darin setzt sich Plöchinger mit der Problematik von online Diskussionen auf Nachrichtenseiten und dem seiner Ansicht nach unzulänglichen Status Quo auseinander. “Was hier und dort unter unseren Artikeln steht,” gibt Plöchinger zu, “hätten wir nicht auf unsere Seite kommen lassen dürfen. Uns nervt das selbst.”

Anfang September hat die Süddeutsche Zeitung die Möglichkeit für Kommentare und Diskussionen direkt bei den Artikeln endgültig deaktiviert und damit in die Tat umgesetzt, was ihr Chefredakteur im Juli zwischen den Zeilen angekündigt hat. Abgesehen von den klassischen Leserbriefen wird es nur noch im Forum, das von den eigentlichen Texten abgekapselt ist, täglich zu 2-3 konkreten Fragen die Möglichkeit zur Diskussion geben. Ansonsten soll – zur Vereinfachung für die AnwenderInnen wie betont wird – der Diskurs in den Sozialen Netzen stattfinden, wohin er sich nach Ansicht der SZ Redaktion ohnehin bereits verlagert hat.

“Die Süddeutsche hat […] die Notbremse gezogen”, schreibt Stefan Schulz in der FAZ, “Liebe Leser, Ihr seid uns eigentlich egal” betitelt Bettina Hammer ihren Kommentar bei Telepolis und wirft der SZ vor, so wie viele andere Medienseiten auch, die Nutzer mehr und mehr als Störfaktor zu sehen. Auf derstandard.at, der Website mit der wohl aktivsten Community in Österreich, spricht ein Forenbeitrag von der ”Kapitulation der Zeitungen”. In der Tat ist die SZ nicht die einzige Website, die mit Problemen beim Management der Diskussionen auf ihren Seiten zu kämpfen hat. Abgesehen von der reinen Anzahl, allein rund 14.000 pro Woche beispielsweise bei Zeit Online, sind es vor allem der rüde Ton und inakzeptable Inhalte in Postings, die zu einer immer stärkeren Belastung für den Dialog und jene Personen, die daran teilnehmen, werden.

Viele KommentatorInnen fordern daher als Reaktion die Abschaffung der Anonymität im Internet und die Einführung einer Klarnamenpflicht. Sie sehen darin das einzige Mittel um zu verhindern, dass Diskussionen aus dem Ruder laufen, es zu Hasspostings und Shitstorms kommt. Gegner dieser Sichtweise argumentieren, dass der Mensch im Internet ohnehin schon überwacht genug sei und das Antasten der Anonymität dem Ende von Meinungsfreiheit und Demokratie gleichkommt. ExpertInnen sind sich allerdings heute einig, dass nicht (die angebliche) Anonymität alleine die Ursache dieser Entgleisungen ist, sondern vielmehr eine Mischung von verschiedenen Faktoren solches Verhalten auslöst und fördert.

Ingrid Brodnig, Journalistin bei der Wochenzeitung ‘Falter’, setzt sich in ihrem Buch ‘Der unsichtbare Mensch’ intensiv mit diesem Themenkomplex auseinander und kommt ebenfalls zum Ergebnis, dass nur eine differenzierte Betrachtungsweise der Problematik gerecht wird. Unter anderem verweist Brodnig dabei auf den US amerikanischen Psychologen John Suler, der sechs Faktoren identifiziert hat, die zu einer Enthemmung bei der Kommunikation im Internet führen können. Dieser Online Disinhibition Effect kann zwar durchaus positive Effekte haben, allerdings ist er in seiner toxischen Variante, eben auch Ursache von Hasspostings oder offenen Gewaltdrohungen.

Am Mittwoch, 15. Oktober, um 19 Uhr wird Ingrid Brodnig ihr Buch im Rahmen eines Autorinnengesprächs in der Buchhandlung liber wiederin präsentieren. Der Abend findet in der Reihe WuV-Buch statt und wird von Wissenschaft und Verantwortlichkeit in Zusammenarbeit mit dem Land Tirol, dem Renner Institut Tirol und InnsbruckOpen veranstaltet. Moderiert wird der Abend von Christoph Wild.

Für alle diejenigen, die bei der Veranstaltung nicht dabei sein können, planen wir einen Live Stream. Details dazu werden wir in den kommenden Tagen hier auf unserem Blog und über die Facebookseite veröffentlichen.