Von Anonymität, Unsichtbarkeit und dem Problem mit den online Foren

“Wir haben einen Fehler im System. Nämlich in den Foren der Nachrichtenseiten. Es ist Zeit, das zuzugeben. Wir müssen den Leserdialog neu denken.” So beginnt ein aus dem Juli stammender Eintrag vom Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung Stefan Plöchinger auf seinem persönlichem Blog. Darin setzt sich Plöchinger mit der Problematik von online Diskussionen auf Nachrichtenseiten und dem seiner Ansicht nach unzulänglichen Status Quo auseinander. “Was hier und dort unter unseren Artikeln steht,” gibt Plöchinger zu, “hätten wir nicht auf unsere Seite kommen lassen dürfen. Uns nervt das selbst.”

Anfang September hat die Süddeutsche Zeitung die Möglichkeit für Kommentare und Diskussionen direkt bei den Artikeln endgültig deaktiviert und damit in die Tat umgesetzt, was ihr Chefredakteur im Juli zwischen den Zeilen angekündigt hat. Abgesehen von den klassischen Leserbriefen wird es nur noch im Forum, das von den eigentlichen Texten abgekapselt ist, täglich zu 2-3 konkreten Fragen die Möglichkeit zur Diskussion geben. Ansonsten soll – zur Vereinfachung für die AnwenderInnen wie betont wird – der Diskurs in den Sozialen Netzen stattfinden, wohin er sich nach Ansicht der SZ Redaktion ohnehin bereits verlagert hat.

“Die Süddeutsche hat [...] die Notbremse gezogen”, schreibt Stefan Schulz in der FAZ, “Liebe Leser, Ihr seid uns eigentlich egal” betitelt Bettina Hammer ihren Kommentar bei Telepolis und wirft der SZ vor, so wie viele andere Medienseiten auch, die Nutzer mehr und mehr als Störfaktor zu sehen. Auf derstandard.at, der Website mit der wohl aktivsten Community in Österreich, spricht ein Forenbeitrag von der ”Kapitulation der Zeitungen”. In der Tat ist die SZ nicht die einzige Website, die mit Problemen beim Management der Diskussionen auf ihren Seiten zu kämpfen hat. Abgesehen von der reinen Anzahl, allein rund 14.000 pro Woche beispielsweise bei Zeit Online, sind es vor allem der rüde Ton und inakzeptable Inhalte in Postings, die zu einer immer stärkeren Belastung für den Dialog und jene Personen, die daran teilnehmen, werden.

Viele KommentatorInnen fordern daher als Reaktion die Abschaffung der Anonymität im Internet und die Einführung einer Klarnamenpflicht. Sie sehen darin das einzige Mittel um zu verhindern, dass Diskussionen aus dem Ruder laufen, es zu Hasspostings und Shitstorms kommt. Gegner dieser Sichtweise argumentieren, dass der Mensch im Internet ohnehin schon überwacht genug sei und das Antasten der Anonymität dem Ende von Meinungsfreiheit und Demokratie gleichkommt. ExpertInnen sind sich allerdings heute einig, dass nicht (die angebliche) Anonymität alleine die Ursache dieser Entgleisungen ist, sondern vielmehr eine Mischung von verschiedenen Faktoren solches Verhalten auslöst und fördert.

Ingrid Brodnig, Journalistin bei der Wochenzeitung ‘Falter’, setzt sich in ihrem Buch ‘Der unsichtbare Mensch’ intensiv mit diesem Themenkomplex auseinander und kommt ebenfalls zum Ergebnis, dass nur eine differenzierte Betrachtungsweise der Problematik gerecht wird. Unter anderem verweist Brodnig dabei auf den US amerikanischen Psychologen John Suler, der sechs Faktoren identifiziert hat, die zu einer Enthemmung bei der Kommunikation im Internet führen können. Dieser Online Disinhibition Effect kann zwar durchaus positive Effekte haben, allerdings ist er in seiner toxischen Variante, eben auch Ursache von Hasspostings oder offenen Gewaltdrohungen.

Am Mittwoch, 15. Oktober, um 19 Uhr wird Ingrid Brodnig ihr Buch im Rahmen eines Autorinnengesprächs in der Buchhandlung liber wiederin präsentieren. Der Abend findet in der Reihe WuV-Buch statt und wird von Wissenschaft und Verantwortlichkeit in Zusammenarbeit mit dem Land Tirol, dem Renner Institut Tirol und InnsbruckOpen veranstaltet. Moderiert wird der Abend von Christoph Wild.

Für alle diejenigen, die bei der Veranstaltung nicht dabei sein können, planen wir einen Live Stream. Details dazu werden wir in den kommenden Tagen hier auf unserem Blog und über die Facebookseite veröffentlichen.

Innsbruck Open zu Gast auf Freirad 105.9MHz

Christoph Wild von Innsbruck Open ist am Montag, 28. Jänner, zu Gast in der Sendung vLOKALE sZÄhNE DE milchZÄHND ZEING auf Freirad 105.9MHz. Dort plaudert er von 20-21 Uhr mit Lisa Scherz und Valentin Dander über Netzpolitik, Open Data und warum es Initiativen wie Innsbruck Open braucht.

Für alle, die die Sendung am 28. Jänner verpasst haben, gibt es hier den Stream zum Nachhören.

Der gläserne Patient – ein Ausblick

Die Sammlung und Speicherung von Daten mit Hilfe medizinischer Geräte ist ein Thema, das derzeit noch nicht im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Umso mehr besteht Bedarf nach einer breiten Diskussion um sicherzustellen, dass PatientInnen und die unabhängige Forschung nicht auf der Strecke bleiben.

Gesetzgeber und PatientInnen werden von den technischen Entwicklungen geradezu überrollt. Man kann daher mit Recht anzweifeln, dass die zukünftigen Auswirkungen einer heute getroffenen Entscheidung – wie etwa die Zustimmung zur Übermittlung und Speicherung von medizinischen Daten – in vollem Umfang bekannt sind und von den Betroffenen überblickt werden können.

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Wie geht es weiter mit Open Data?

2011 sind in Wien und Linz Open-Data-Portale in Betrieb gegangen, die in steigendem Umfang den Zugriff auf die Verwaltungsdaten der Gemeinde bzw. des Landes erlauben. Auf Ebene der EU wird derzeit über eine Novelle der Public Service Information Richtlinie diskutiert, die Open Data fördern soll.

Das Open Knowledge Forum Österreich und futurezone möchten nun Stimmen und Meinungen aus der Open-Government-Data Community sammeln, die als Grundlage für eine nutzerorientierte Weiterentwicklung von Open-Data-Angeboten und Richtlinien dienen sollen.

Die Online-Umfrage läuft bis zum 30. März 2012. Die Ergebnisse werden am 2. April unter anderem im Open Data Blog der futurezone veröffentlicht.

Der gläserne Patient – Datensammlung mit medizinischen Geräten

Plakat 'Der gläserne Patient'8. März 2012, 19 Uhr,
Claudiasaal (Claudiana),
Herzog-Friedrich-Str. 3, 6020 Innsbruck

Die Hersteller von medizinischen Geräten transferieren immer häufiger die von ihren Geräten produzierten Daten auf zentrale Server. PatientInnen und ÄrztInnen haben dabei keine Kontrolle, was genau übermittelt wird und keinen Zugriff auf die Rohdaten. Die Diskussion geht der Frage nach, ob sich Datenschutz, Open Data Philosophie und klinische Forschung verbinden lassen und welche Perspektiven Politik, Universitäten und Industrie in diesem Zusammenhang sehen.

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ACT against ACTA

Seit Ende Jänner ist das ‘Anti-Counterfeiting Trade Agreement’ (ACTA) wieder Ziel massiver Kritik durch NetzaktivistInnen, NGOs aber auch PolitikerInnen verschiedenster Nationen.

ACTA you shall not pass!

Viele der Punkte, die bereits in früher an die Öffentlichkeit gelangten Entwürfen kritisiert wurden, wurden zwar nach Ansicht der EU-Kommission entschärft. Dennoch ist die nun vorliegende und am 26. Jänner auch von Österreich unterzeichnete Version in mehrfacher Hinsicht äußerst problematisch. Schon das Zustandekommen der Übereinkunft – weder die nationalen Parlamente noch das Europäische Parlament oder die WTO waren in die Verhandlungen einbezogen – ist undemokratisch und als Grund für eine nicht Ratifizierung ausreichend. Schwerwiegender ist jedoch, dass mit dem vorliegenden Vertrag die Interessen der Industrie einseitig gefördert und die Rechte der NutzerInnen, insbesondere von Kunst und Wissenschaft, eingeschränkt werden.

Die angeblich wirtschaftliche Notwendigkeit solcher Maßnahmen, die von LobbyistInnen oft ins Feld geführt wird, basiert auf nicht haltbaren Zahlen und erweist sich bei näherer Betrachtung der Gesamtwirtschaft, und nicht nur der Unterhaltungsbranche, als unrichtig. Zudem zeigt eine Analyse der Handelsbilanzen für Lizenzgebühren und Nutzungsrechte in einer Studie der Universität Maastricht, dass ACTA vorwiegend den Interessen der USA und Japans zu Gute kommen würde.

ACTA ist daher ein nicht unwesentlicher Mosaikstein eines größeren Systems, in dem das in der Kommunikation freie Internet, und somit die BürgerInnen, als Problem identifiziert und angegriffen werden. Man muss also hoffen, dass sich die Mehrheit der Abgeordneten im Europäischen Parlament der Meinung der Grünen Fraktion anschließt und ACTA endgültig ad acta legt.